Kapitel 1: Big Charly

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Für alle im Online Marketing gilt eins. Sie leben in einer eigenständigen Welt innerhalb unserer Gesellschaft. Sie erkennen sich auf der Straße, leben nach eigenen Regeln und bekommen teilweise gar nicht mit, was um sie herum geschieht. Wenn ich tagsüber am Peron einer Ubahnstation stehe kann ich mit Sicherheit sagen, wer zu “uns” gehört und wer nicht. Das erkennt man nicht am Aussehen oder an der Kleidung. Es ist wie ein siebter Sinn, und wenn unsere Blicke sich dann treffen weiß ich, dass ich Recht hatte. Es kann der junge Mann in den zerfetzten Klamotten sein, der Flegel, der trotz Rauchverbotes am Bahnsteig sich gemütlich eine Kippe anzündet, oder der Businessmann, der hektisch auf seinem iPad spielt. Jemand, der nicht in unserem Geschäft arbeitet, würde diese Personen vielleicht für ein Penner, einen Mann der nicht aus seiner Jugend kommt der einen Juppi halten.

Genauso ist es auch mit Big Charly. Bei B.C hat alles angefangen. Ich glaube, ohne ihn wäre ich niemals im Online Marketing gelandet. Big Charly heißt mit bürgerlichem Namen eigentlich Karl Otto Heimlich, eine imposante Erscheinung mit seinem 1,99 Meter und um die 150 Kilo, und war einer der ersten Großen im Affiliate Marketing, als dies aus Amerika nach Deutschland kam. Er hatte damals den richtigen Riecher und hat innerhalb von kürzester Zeit sich zu DEM Affiliate-Guru gemausert. Nach 3 Jahren hat er mehr verdient, als ein normaler Arbeiter in seinem Leben jemals erreichen kann und hat sich aus einer Laune heraus von Heute auf Morgen komplett zurückgezogen. Ein Aussteiger, der trotz seines Erfolges auf dem Boden geblieben ist. Charly eröffnete mitten in München eine Hot-Dog-Bude und nun steht er mit einem glücklichen Lächeln jeden Tag hinter der Theke und verkauft seine Hot-Dogs jedem, der diese höllisch scharfe Chilli-Wurst vertragen kann. Ich habe ihn, seit dem wir uns kennen, mindestens eine Million mal gefragt, warum er das alles aufgegeben hat. Er lächelt jedes Mal wissend und ruhig, wischt seine Hände an seinem, stets blütenweißen Kittel ab und… antwortet nicht.

Doch obwohl er selber kein Finger mehr im Marketing rührt, bimmelt immer wieder sein Handy (stets das neueste Modell) und ich bekomme mit halben Ohr mit, wie er mit einem Geschäftsführer, Marketingleiter oder dem Vorstand der BVDW spricht und mit ihnen die Weichen für irgendwelche irrwitzigen neuen Methoden stellt. Es ist schon witzig, wenn er gerade die Püppchen aus den Büros der Umgebung bedient, und dabei was von Retargeting, Trackingweichen oder Adwords murmelt.

Obwohl Charly nie wieder arbeiten müsste, scheint ihm seine Imbissbude seelisch auszufüllen. Er erzählte mir mal an einem sonnigen Frühlingsabend, dass er, seitdem er sein Hot-Dog-Geschäft führt, wieder jeden Abend mit einem Lächeln einschläft.

Bub” sagt er, “es gibt nichts schöneres, als Abends den Laden zu schliessen, bei Alex auf ein Bier vorbei zu gehen und zu wissen, dass dich morgen nur die selben Würstchen erwarten.

Irgendwie vergisst er aber zu erwähnen, dass er jederzeit sein Laden dicht machen kann, wenn er will…

Ich hatte gerade meine erste Ehe hinter mir, zog frisch nach Schwabing in ein kleines 2-Zimmer-Appartement ein, bei der die Badezimmertür so schmal war, dass nicht einmal meine alte Toplader-Waschmaschine reinpasste. Tagsüber arbeitete ich als Glasschneider und baute Ornamentgläser für Kirchenfenster, nachmittags jobbte ich noch zusätzlich bei einer Pizzeria, der genau neben Charly’s Hot-Dog-Bude war. Der Chef der Pizzeria war Rischad, ein alter dicker Inder, der sein Gras am liebsten im Pizzaofen trocknete, sodass der ganze Raum stets mit dem Duft von Mariuhana erfüllt war. Zoltán, ein ungarischer Ingenieur, der kaum Deutsch sprach, arbeitete als Pizzabäcker. Er war der einzige der wusste, wie man das überhaupt macht. Soweit keine Bestellung vorlag, saßen wir meist da und spielten Backgammon. Oft ging meine Tagesgage drauf, weil ich Rischad einfach nicht gewachsen war. Wenn nach Stunden dann endlich Feierabend war, und ich nicht alleine zu Hause rumsitzen wollte, ging ich zu Charly rüber.

Bub” sagte er eines Tages (irgendwie hat er fast jeden Satz mit “Bub” angefangen), “warum machst du diesen Mist? Ich hätte da eine bessere Idee

Dann legte er los und eröffnete mir mit seinen Worten eine neue, faszinierende und verheißungsvolle Welt. Wen interessiert schon wer JFK erschossen hat, wenn du weisst, wer BMW aus Google geschossen hat. Warum grübelst du über das Wetter und den Lottozahlen, wenn du interne Nachrichten von Onlinefirmen lesen kannst…

Und so ergab es sich, dass ich nun meine ganze Freizeit bei Big Charly verbracht habe. Ich habe ihn Löcher in seine dicke Wampe gefragt und er hat Löcher in meinem Bauch mit Tonnen von Chilli-Dogs verursacht.

Damit war mein Weg besiegelt. Ich werde Online-Marketer.

3 Comments
  1. Rolf sagt:

    Hallo Tibor,
    dank Ralf bin ich auf Dich “gestoßen”. Das Interview war höchst interessant und Dein Krimi hat mich von Anfang an gefesselt. Ein Krimi über Affiliate. Bin sehr gespannt wie es weiter geht, lass Dir also nicht zuviel Zeit. Beste Grüße Rolf

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